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Browser Googles

Googles (un)heimliche Browser-Vorherrschaft

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 Spätestens mit dem Oktober-Up­date sollte jeder Windows-Nutzer einen neuen Browser erhalten haben. Edge ist nicht einfach ein Update des unbeliebten alten, sogenannten Legacy Edge, sondern setzt auf ganz anderer Technik auf. Statt einer eigenen Browser-Engine von Microsoft arbeitet in seinem Inneren das quelloffene Chromium mit seiner Blink-Engine.

Edge befindet sich damit in zahl­reicher Gesellschaft. Etliche weitere Browserhersteller nutzen Chromium ebenfalls: Opera, Vivaldi, Brave und viele mehr. Sechs der Browser im Test ab Seite 64 setzen auf Chromium auf. Sie alle profitieren von einem soliden Fundament und einem Ökosystem mit tausenden Erweiterungen.

Während Googles Chrome eher auf die Basisfunktionen beschränkt ist, bohren andere Hersteller ihre Browser um viele nützliche Funktionen auf. Microsoft etwa hat erst vor circa zwei Jahren seine Browserentwicklung auf Chromium umgesattelt, scheint den Ausbau seines neuen Browsers aber mit viel Nachdruck voranzutreiben. In schneller Folge vermeldet der Konzern neue Funktionen in Edge: einen PDF-Viewer mit Editierfunktion zum Beispiel, Sammlungen für Webfundstücke oder eine Such-Seitenleiste.

Auch Opera und Vivaldi bieten viele nützliche Ergänzungen. Beide enthalten zum Beispiel Seitenleisten, mit denen man Messenger im Blick behält oder die Musikwiedergabe bei Spotify steuert. Insbesondere wenn Sie Wert auf Privatsphäre legen, sind Sie bei einem anderen Browser besser aufgehoben als bei Chrome, der in der Voreinstellung nicht mal Third Party Cookies blockiert. Brave, Firefox oder Safari bieten von Haus aus besseren Schutz gegen Tracker aller Art.

Wir stellen ab Seite 64 neun aktuelle Browser auf den Prüfstand – lassen Sie sich von der Vielfalt überraschen! Und sollten Sie mit einem „Neuen“ liebäugeln, lassen Sie sich nicht von vermeintlich mit einem Umzug verbundenen Fußangeln abhalten, insbesondere von der Frage, wie Sie Ihre Lesezeichen mitnehmen. Wir zeigen Ihnen ab Seite 70, wie Sie Ihre Bookmarks mit mehreren Browsern nutzen können.

Gefährliche Konzentration

Dass so viele Browserhersteller auf Chromium setzen, hat eine Schattenseite, denn bei den Browsern kommt es schon seit Längerem zu einer schleichenden Konzentration. Alleine Chrome hält den Zahlen des Marktforschungsunternehmens StatCounter zufolge einen weltweiten Marktanteil von 66 Prozent über alle Plattformen. Zählt man die anderen Chromium-­Browser hinzu, ergibt sich für Chromium gar ein Marktanteil von über 73 Prozent.

Darüber hinaus kommt Chromium an Stellen zum Einsatz, die sich nicht oder nicht zwangsläufig auf solche Browser­statistiken auswirken. So ist die WebView-­Komponente im Mobilsystem Android, mit der Apps HTML-Inhalte anzeigen, nichts anderes als ein Chromium-Browser. Und auch in der Laufzeitumgebung Electron, mit der viele Web-Dienste ihre Desktop-Anwendungen bauen, verrichtet ein Chromium-Browser seinen Dienst. Der reale Marktanteil von Chromium dürfte also noch höher ausfallen.

Die einzigen beiden verbliebenen Alternativen, die in technischer Hinsicht mit Chrome/Chromium und seiner Browser-­Engine Blink mithalten können, sind Safari (WebKit) und Firefox (Gecko). Firefox und WebKit werden ebenfalls als Open Source entwickelt. Eine vollwertige Konkurrenz stellen allerdings beide Browser nicht (mehr) dar.

Firefox stammt von der Mozilla Foundation, die sich als Streiter für ein freies und offenes Web versteht. Als wichtigstes Projekt für dieses Ziel entwickelt sie ihren Browser, um bei der Weiterentwicklung von Webstandards ein Wörtchen mitreden zu können.

Mozillas Stimme wird mit Firefox’ schwindendem Marktanteil aber immer schwächer. Nur noch knapp vier Prozent aller Seiten werden mit Firefox abgerufen. Die Internet-Gemeinde musste zudem mit Sorge zur Kenntnis nehmen, dass Mozilla offenbar in finanzielle Nöte geraten war und im August 2020 weltweit 250 Stellen strich – ein Viertel seiner Belegschaft. Ein wichtiges Zukunftsprojekt, die experimentelle Browser-Engine Servo, hat Mozilla im November an die Linux Foundation übergeben.

Die finanzielle Notlage ist auch deshalb fatal, weil Mozilla jetzt noch mehr als bisher auf Googles Geld angewiesen sein dürfte, denn Google ist der wichtigste Finanzier der Mozilla-Stiftung. Der Suchmaschinenkonzern bezahlt Mozilla dafür, dass die Suchmaschine in Firefox als Standard vorgegeben ist.

Safari hat einen Marktanteil von immerhin 19 Prozent. Der Apple-Browser ist allerdings nur für iOS und macOS verfügbar. Für Linux gibt es ein paar aktuelle Browser mit der Safari zugrunde liegenden WebKit-Engine, unter Windows und dem mit Abstand führenden Mobil-Betriebssystem Android hingegen spielt Webkit keine Rolle. Apple erhält ebenfalls Milliarden von Google, damit es die Google-­Suche in Safari bevorzugt. Der Apfel-Konzern ist aber nicht abhängig von Googles Geld.

Microsoft hat seinem Chromium-Browser eine Sammelleiste für Web-Fundstücke sowie ausgefeilte Datenschutzeinstellungen spendiert.

Offen, aber in einer Hand

Warum ist Diversität bei den Browser-­Engines eigentlich überhaupt wichtig? Das Chromium-Projekt hat es in einer FAQ selbst formuliert: „Es gibt mehrere interoperable Implementierungen akzeptierter Standards. Jede Engine geht dasselbe Problem aus einer anderen Richtung an, was bedeutet, dass Webentwickler mehr Vertrauen in die Leistungs- und Sicherheitseigenschaften des Endergebnisses haben können.“ Mehr Diversität führt bei einem offenen System wie dem Web also zu mehr Leistung und Sicherheit für alle. Oder im Umkehrschluss: Die schwindende Diversität bei den Webbrowsern birgt das Risiko, die Plattform „Web“ als Ganzes zu schwächen.

Hinzu kommt noch eine bedenkliche Machtbündelung. Google bringt nicht nur seinen eigenen Browser heraus, sondern hält auch bei der Chromium-Entwicklung die Fäden in der Hand. Chromium ist zwar ein Open-Source-Projekt, zu dem prinzipiell jeder beitragen kann. In der Tat wirken Entwickler von Dutzenden anderer Unternehmen mit – zum Beispiel von Microsoft, Opera und Samsung. Erst im November wurde ein Entwickler eines externen Unternehmens durch ein neues, offenes Wahlverfahren in den erlauchten Kreis der sogenannten API-Owner gewählt – der Chromium-Entwickler, die entscheiden dürfen, welche Programmierschnittstellen die Blink-Engine nach außen zur Verfügung stellen darf. Nichtsdestotrotz haben Drittentwickler insgesamt nur einen sehr kleinen Einfluss auf das Projekt. Wirft man einen Blick in die „OWNERS“-­Dateien des Chromium-Codes, also der Entscheider über die Übernahme neuer Code-Beiträge in den Browser, stellt man fest: Nicht-Googler haben dort Seltenheitswert.

Unbestritten: Es bietet auch Vorteile für das Chromium-Projekt, dass Google darin so engagiert ist. So ist durch die Manpower der Google-Mitarbeiter die beständige Fortentwicklung des Open-Source-Browsers gewährleistet. Es ist wohl aber auch nicht übertrieben zu sagen, dass bei der Chromium-Entwicklung nichts ohne Googles Zustimmung passiert und auch nichts, das Googles Interessen zuwiderlaufen würde.

Machtinstrument

Mit seinem eigenen Browser Chrome und durch seinen Einfluss bei Chromium kontrolliert also ein Unternehmen, das in vielen Bereichen des Webs sein Geld verdient – Suchmaschine, Cloud Computing, Werbung – ein zentrales Element dieses Ökosystems. Die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass eine solche Konstellation ein Unternehmen dazu bringen kann, seine Position auszunutzen, um seine Ziele durchzusetzen.

Grundsätzlich bekennt sich Google zur gemeinschaftlichen Entwicklung offener Standards. Wenn Google allerdings der Meinung ist, dass etwas das Potenzial hat, das Web weiterzubringen, dann prescht der Hersteller schon mal vor. So hat Google seine Version eines File System API für den Zugriff auf das Dateisystem des Betriebssystems seit Version 86 in Chrome scharf geschaltet – obwohl weder Mozilla noch Apple mit dem Entwurf einverstanden sind.

Sobald Google eine Funktion in Chrome bereitstellt, setzen Entwickler sie auch ein. In Entwicklerforen gibt es bereits erste Beispielanwendungen mit dem neuen API. So erschafft Google einen De-facto-­Standard, und die anderen Browserhersteller müssen mitziehen.

So sehr Microsoft sein Bekenntnis zur offenen Software beim Wechsel zu Chromium in den Vordergrund gestellt hat: Der Konzern unterhält das wichtigste Desktop-Betriebssystem, bringt für so gut wie jeden Zweck eigene Software heraus und hat in den 90er-Jahren mit seinem Internet Explorer einen erbitterten „Browser-Krieg“ um die Vorherrschaft auf dem Browsermarkt bestritten. Es dürfte beim Wechsel zu Chromium wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass Microsoft bei der Entwicklung seines Legacy-Edge mit Chromes Tempo einfach nicht hat mithalten können.

Webentwickler und Anwender sind ebenso Getriebene: Erstere testen Funktionen unter Zeitdruck erst einmal mit dem marktbeherrschenden Browser ausgiebig. Benutzer lernen dann durch Hinweise wie „nutzen Sie für diesen Dienst Chrome“ oder Abstürze mit anderen Browsern, lieber Googles Browser einzusetzen.

Microsoft hat seine Mitarbeit an Chromium ausgeweitet.

Werbe-Monopoly

Bei Chromes Marktdominanz geht es aber längst nicht nur um technische Webstandards, denn sie wird sich auch auf die Umwälzungen auswirken, die dem Werbemarkt im Jahr 2021 bevorstehen, Stichwort: Cookiekalypse. Allen voran Safari und Firefox, aber auch so gut wie jeder andere Browser außer Chrome haben bereits wirksame Tracker-Blocker eingebaut. Von immer aufdringlicherer Werbung genervte Nutzer unterdrücken Banner und andere Werbemittel mit Werbeblockern. Regulierungsmaßnahmen wie die DSGVO setzen klassische Werbemodelle zusätzlich unter Druck – insbesondere solche, die auf Tracking basieren, zum Beispiel mit Third Party Cookies.

Das sieht auch Google so und hat mal eben Third-Party-Cookies für Chrome abgekündigt. Als Ersatz hat der Konzern unter dem Überbegriff „Privacy Sandbox“ ein völlig neu konzipiertes Werbesystem zur Diskussion gestellt [1]. Statt die persönlichen Daten bei Werbenetzwerken und Datendienstleistern zu speichern, soll künftig der Browser das Targeting erledigen. Ein anderer Ansatz innerhalb dieses Konzepts: Werbung soll weniger auf den persönlichen Profilen der Endnutzer und mehr an die Inhalte im Browser anknüpfen.

An die Stelle eines verteilten, komplexen und unüberschaubaren Markts von Dienstleistern, die in Echtzeit Benutzerdaten durch die Welt senden und Werbeplätze in Echtzeit-Auktionen versteigern, soll zukünftig also der Browser treten. Das erscheint zunächst einmal positiv: Website-Betreiber müssten ihre Seiten nicht mehr mit Werbeskripten überfrachten und Surfer hätten mehr Kontrolle über ihre Daten.

Wider ein Monopol

Wenn sich Google mit seinem Vorstoß durchsetzen würde, brächte das weltweit größte Online-Werbeunternehmen wesentliche Teile der Wertschöpfungskette der Online-Marketing-Industrie unter seine Kontrolle. Google würde nicht mehr nur die Standards für das Web setzen, zu einem gewissen Grad wäre Chrome dann das Web.

Es verwundert daher nicht, dass andere Unternehmen gegen Googles Vorstoß auf die Barrikaden gehen. Eine Allianz von Werbeunternehmen, die „Marketers for an Open Web“, hat die britische Wettbewerbsbehörde angerufen, Googles Vorstoß zu untersuchen und zu stoppen, denn er würde die Vormachtstellung von Google auf dem Werbemarkt zementieren.

Die Antwort des Alternativ-Browsers Brave auf ausuferndes Tracking: ein scharfer Blocker und ein eigenes Werbemodell, das den Nutzer für von Brave angezeigte Werbung bezahlen soll.

Auch Regulierern dies- und jenseits des Atlantiks ist Googles Vormachtstellung auf dem Browsermarkt ein Dorn im Auge. So versucht die EU, die enge Verknüpfung von Android und Chrome zu bekämpfen. Seit Anfang des Jahres muss Android bei der Einrichtung eines neuen Geräts dem Anwender eine Auswahl von Alternativen zu Chrome anzeigen. Und beim vom US-Justizministerium angeschobenen Antitrust-Verfahren spielt der Browser eine wichtige Rolle. Es steht sogar die Drohung im Raum, Google seinen Browser Chrome abzunehmen.

Umsteigen ohne Risiko

Es dürfte also noch eine Reihe spannender Entwicklungen auf dem Browsermarkt geben. Bei allem politischem Hickhack im Hintergrund ist für Sie als Anwender entscheidend: Alle Browserhersteller, auch Google, bekennen sich im Kern zu offenen Standards.

Die im folgenden Artikel vorgestellten Browser basieren auf aktuellen Versionen der drei großen Browser-Engines. Sie können also ohne Weiteres einen der Browser ausprobieren, ohne Gefahr zu laufen, sich von wesentlichen Funktionen abzuschneiden. Nützliche Zusatzfunktionen, bessere Personalisierbarkeit und nicht zuletzt mehr Datenschutz: Es gibt viele Gründe, einem neuen Browser eine Chance zu geben.

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